Du wurdest in die Kinowelt deines letzten Kinos weitergeleitet. Du kannst aber jederzeit ein anderes Kino unterstützen. Entweder bei der Leihe im Warenkorb oder direkt in deinem Account.
Du musst der erste Soldat deines Filmes sein - Markus Schleinzer im Gespräch
Markus Schleinzer wurde 1971 in Wien geboren. Mit ROSE legt er nach MICHAEL und ANGELO seinen dritten Langfilm vor und erzählt darin von einer Frau, die sich in einem komplexen Geflecht aus persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnissen bewegt. Seit der Premiere bei der Berlinale im Februar ist der Film international unterwegs und findet sein Publikum weit über Österreich hinaus. Schleinzer, der über viele Jahre als Casting Director eng mit Michael Haneke zusammenarbeitete und selbst an der Filmakademie unterrichtete, geht mit ROSE außerdem als österreichischer Kandidat ins Rennen um eine Oscar-Nominierung.
Zuallererst herzliche Gratulation zum schönen Erfolg von ROSE! Seit der Premiere im Februar in Berlin führt dich der Film durch die Welt. Du hast Jahre an dem Film gearbeitet, wie fühlt es sich an, nun mit dem Film auf Reisen zu gehen und ihn mit unterschiedlichen Publika zu erleben?
Es ist für mich jedes Mal ein Wunder, dass Etwas, das ich jahrelang in meinem stillen Kämmerlein geschrieben habe, dann irgendwann einmal an die 700 Menschen mit Arbeit beschäftigt, und dann irgendwann einmal da draußen ein Publikum auf der ganzen Welt findet. Und obwohl das das Ziel ist, ist es jedes Mal, wie wenn man im Sommer den Schnee vergisst und wie man sich im Winter das Einatmen von warmer Luft nicht vorstellen kann.
Du standest mit Sandra Hüller bereits gemeinsam vor der Kamera und hast dich als großer Bewunderer geoutet. Wie war die Zusammenarbeit bei ROSE?
Ich habe ROSE bis jetzt sicher an die hundertmal gesehen und immer noch gibt es Momente, da kommt mir ein Lachen oder da kommen mir die Tränen. Es gibt viele Theorien zum Beruf Schauspiel. Es wäre bezahltes Lügen oder Verstellung. Wir alle kennen diese Sprüche. Sandras Ausnahmetalent besteht aber darin, dass sie in der Sekunde alles wahrwerden lassen kann. Jedes geforderte Gefühl. Da gibt es keine Behauptung und nichts Gemachtes. Deshalb trifft einen ihr Spiel so unmittelbar. Ich habe das Buch für sie geschrieben. Ich habe versucht, alle ihre Filme zu schauen, bin ins Theater gegangen, um ein Verständnis und eine Interpretation ihres Talents zu erhalten. Um zu wissen, wie ich die Rose-Figur gestalten kann, wie ich sie durch ihre Darstellung als Autor erzählen kann. Was für ein Glück, dass sie dann auch zugesagt hat.
Du hast viele Jahre als Casting Director eng mit Michael Haneke gearbeitet. Wie war es, mit ihm zusammenzuarbeiten und inwiefern hat er deine Art, Filme zu machen, beeinflusst?
Von Michael kann man Disziplin lernen und dass du der erste Soldat deines Filmes sein musst. Und dass man Fragen stellen muss, immer, auch wenn sie anderen unangenehm sind. Und dass Vorbereitung alles ist, die höchste Verantwortung der Filmemacher:innen. Und dass die Regie am Ende für alles, alles Verantwortung übernehmen muss. Ich habe mich fast zwei Jahrzehnte beruflich in seinen Projekten bewegen dürfen. In der Vorbereitung und am Set, während des Drehens. Ich habe nie eine akademische Ausbildung genossen. Vieles, was ich heute vom Filmemachen verstehe, habe ich hier gelernt. Und ich bin seinem Vertrauen in mich dankbar, dass er mich in seine Filmwelten eingelassen hat.
Deinen Filmen gehen präzise und langwierige Recherchearbeiten voraus. Gibt dir ein klarer Blick Sicherheit im Umgang mit dem Stoff und den Figuren?
Ich weiß nicht, ob es etwas wie Sicherheit gibt. Aber man muss ja wissen, was man erzählen will und erzählt. Und man muss auch wissen, was man weglässt. Es ist mein Auftrag. Alles andere wäre ja eine Mogelpackung ans Publikum, das ja immer auch spürt, wenn eine Geschichte plötzlich dünn oder fadenscheinig wird.
Und wie verhält sich diese intensive Vorbereitung zum Drehprozess?
(Auflachen) In welcher Messeinheit? Finanziell ist es ein Desaster. Zeitlich 3 zu 1. In Schönheit und Erfolg 100 Prozent.
Deine bisherigen Filme tragen mit MICHAEL, ANGELO und ROSE jeweils Eigennamen. Hat das auch mit der intensiven Auseinandersetzung mit den jeweiligen Figuren zu tun?
Wahrscheinlich. Ich beschäftige mich so lange mit meinen Hauptcharakteren, die ja ein Beginn der Arbeit sind, dass ich dann nicht weiß, wie sie noch in Filmtitel umzubenennen. Man setzt sich ja nicht hin und sagt, so, jetzt schreib ich was zu: Der Tag, an dem der Regen fiel.
Abgesehen von den Eigennamen: Siehst du einen roten Faden, der sich durch die drei Filme zieht?
Sogenannte Außenseiter der Gesellschaft. Wie wir sie behandeln, ist immer ein Seismograph, wo wir als Gesellschaft stehen. Diesmal beschäftige ich mich aber eben mit der größten Außenseitergruppe dieses Erdballes: den Frauen.
Deine Figuren sind ambivalent angelegt und immer wieder geht es um Machtverhältnisse. Ist das auch eine Perspektive, die deinen Blick auf die Welt widerspiegelt?
Ich fühle mich der Dialektik verpflichtet, auch wenn sie heute eher unmoderner geworden ist. Ich sehe mich, und alle mir nahen Menschen, als ambivalent an. Niemand ist nur gut, niemand ist nur böse. Das macht Zusammenleben mitunter schwer, aber das filmische Erzählen spannender.
Du hast über Jahre an der Filmakademie unterrichtet. Welchen Rat gibst du jungen Filmemacher:innen?
Lass dir nichts einreden. Finde deinen eigenen Weg. Lehrende haben auch nur eine Meinung. Lehrende sind für dich da. Sobald sie beginnen, Monologe zu halten oder Anekdoten aus ihrem Berufsleben den Hauptteil des Unterrichts ausmachen, hau ab. Wenn man sich von einer lehrenden Person alles genommen hat, auf zur nächsten. Nicht lange sitzenbleiben. Mach ja keinen Master!
Gibt es bereits ein neues Projekt, an dem du arbeitest und wenn ja, seit wann arbeitest du daran?
Im Sommer vor drei Jahren habe ich an einem Projekt über Klaus Nomi begonnen. Ich bin also noch gut in der Zeit.
Vielen Dank!
Ich danke euch!
Markus Schleinzer hat uns auch seine liebsten Filme aus dem KINO VOD CLUB vorgestellt. Hier geht’s zur Kuratierung
